Rede Katharine Ertls am 2.6.14 auf der Montagsdemo über das 4. Forum in Rosia Montana

4. Forum in Rosia Montana 9.5.14

4. Forum in Rosia Montana 9.5.14

Was haben Stuttgart und ein kleines idyllisches Bergdorf inmitten teils rundlichen teil wuchtigen Bergkuppen und verschlafenen Seitentälern in Rumänien gemeinsam?

Sie werden von schädlichen Großprojekten überrollt, eingefädelt von Konzernen und korrupten Politikern – und die Bewohner leiden: sie sind davon bedroht ihre Heimat, das soziale Umfeld zu verlieren, sie bluten für das Projekt ökologisch und finanziell. Dies alles im Zeichen der neoliberalen Entscheidung zugunsten der Umverteilung hin zu den Banken und Konzernen, und ermöglicht durch die undemokratischen strategischen Erschließungs- und Ausbeutungspläne der EU.

Das kleine Dorf in Rumänien heißt Rosia Montana, der kanadische Bergbaugroßkonzern heißt Gabriel Resources und will, um dort je 1,2 Gramm Gold aus je einer Tonne Gestein zu gewinnen, drei komplette Bergstöcke rund um das Dorf abtragen, die Dorfbewohner aus ihren Häusern und von ihren Erdschollen vertreiben und im Nachbartal einen Staudamm ziehen, um einen hochgiftigen 4 km langen Stausee mit Zyanid einzulassen. Zyanid, das für die Herauslaugerei des Goldes aus dem zerborstenen Gestein gebraucht wird, und das „natürlich“ nie, nie, nie in der Erde versickern kann sondern selbstverständlich ganz sicher im Staubecken bleiben wird. 140 mg Zyanid sind für einen Menschen tödlich, Tausende Tonnen sollen hier eingesetzt werden. Was, wenn sich Überschwemmungen und Erdbeben ereignen? Im ebenfalls rumänischen Baia Mare brach im Jahr 2000 ein Staudamm eines solchen Zyanidsees, und die zweitgrößte Umweltkatastrophe Europas wirkte sich bis Ungarn und Serbien aus.

Als sich 2013 ein junger Musiker aus der Bewegung Salvate Rosia Montana am 3. Forum in Stuttgart beteiligte, war das Entsetzen über das Projekt dort und die Solidarität aller Teilnehmer groß, die Bewegung um die Komponente Erdausbeutung reicher. Nach Rücksprache konnte das 4.Forum gegen unnütze und aufgezwungene Großprojekte in Rosia Montana heuer vom 8. bis 11. Mai stattfinden. Die S21-Bewegung war mit rund 25 Teilnehmern die größte Gruppe auf dem Forum.

Was macht diese Foren so wertvoll? Erstens – das Verständnis füreinander, die Solidarität miteinander, die sich immer wieder ähnelnden Probleme wie Bekämpfung der Bewegungen durch Pseudovolksabstimmungen, Schlichtungen, gegnerische Pressekampagnen, Gewalt der Staatsmacht bei Demos, Besetzungen, Sitzblockaden, politisch geführte juristische Aburteilungen, Diffamierung und Kriminalisierung. Die Freundlichkeit unserer Gastgeber: junger Leute aus den Städten Cluj Napoca und Sibiu (Hermannstadt), von Eugene, dem Bauern, auf dessen Privatgrund das Forum stattfand, die großartige vegane Küche der jungen Leute, die noch bis zur letzten Sekunde an zwei neuen Schobern und dem Nachtlagerstockwerk über der Koch- und Esshütte gehämmert hatten. Sie haben uns alles gegeben was sie hatten, Zelte, Übersetzer, vier Klos, Freiluft-Duschen, Essgeschirr, einen Kühlschrank für das abendliche Bier.

Überhaupt, die jungen Leute: Von den rund 200 Teilnehmern, u.a. aus Frankreich, aus dem Susatal in Italien, aus Großbritannien, aus den Niederlanden, aus der Gezipark-Bewegung in der Türkei, aus Marokko, waren dies mal ausnehmend viele Junge dabei, zum Beispiel aus dem Hambacher Forst, die gegen ein Riesenrad-großes Kohlefördergerät immer wieder die Bäume dieses Waldes besetzen, den Kohle-Förderzug stoppten und damit die dort tätige RWE am Nerv trafen.

Die Kriminalisierung bekommen derzeit insbesondere vier junge Menschen in Italien zu spüren, die in vier verschiedenen Gefängnissen in Isolations-Haft sitzen, weil das Bahn-Projekt im Susatal mittlerweile zu einem Projekt von nationalem Interesse erklärt wurde. Sie werden behandelt wie Topterroristen – es gibt aus Rosia Montana eine Solidaritätserklärung für Sie.

Das 4. Forum stand im Zeichen des Austausches über die persönlichen Erfahrungen im Widerstand, über die Rolle der Parteien in den Bewegungen, über die erforderliche enorme Ausdauer und das Durchhaltevermögen, über Perspektiven, Erfolge und Misserfolge. Es wurde bewusst, dass in Großbritannien nunmehr 60 % der Landfläche für Fracking – und somit zur Grundwasserverseuchung – freigegeben wurden, und dass Landgrabbing, der Zugriff und Aufkauf der Konzerne auf das ehemals staatliche Land, unterstützt von der EU und den Parlamenten, massivst zugenommen hat.

In der Schlusserklärung des 4. Forums wurde die Solidarität zueinander, ebenso die damit verbundene Ablehnung der im Geheimen vorangetriebenen Abkommen TTIP und CETA zwischen EU und USA bzw. EU und Kanada erklärt und das Forum ganz klar als eine über die europäischen Grenzen mittlerweile hinausreichende Bewegung anerkannt, die ausdrücklich Fracking und Bergbau mit einschließt. Eine offizielle Plattform im Netz zur Information und Austausch der Bewegungen wird nun aufgebaut. Der Kampf gegen die aufgezwungenen Großprojekte kann letztlich nur durch die Solidarisierung aller gewonnen werden, weil dadurch jede einzelne Bewegung vor Ort gestärkt wird.

Meine wichtigste Erkenntnis: Viele Bewegungen wie auch unsere auch sitzen in einer Isolation des Wissens. Wir wissen extrem viel, aber wir kriegen‘s nicht an die Bevölkerung vermittelt. Weil wir das nicht bewerkstelligt kriegen sollen. Das ist durch diverse Maßnahmen – siehe hier in Stuttgart auch durch den Rahmenbefehl zu dieser Thematik – eingefädelt von den Projektbefürwortern, von Polizei, Staatsschutz und politischer Landesspitze gedeckt! Die Rumänen, die Franzosen und die Italiener wurden eine Massenbewegung und sie haben mir eine Idee aufgesteckt, wie wir die Isolation durchbrechen können und sollten, wenn wir Erfolg haben wollen – sie haben mir auch neuen Mut und Klarheit gebracht, hier weiter auf die Straße zu gehen, geradlinig, entschlossen, sichtbar und unbequem zu sein und noch so einiges mehr zu tun. Was haben die Rumänen gemacht, als eine Abstimmung des Parlaments über Rosia Montana anstand? Sie haben das Parlament besetzt. Derzeit ist das Projekt gestoppt, die Aktienkurse von Gabriel im Keller, 400 Arbeiter vor Ort mussten entlassen werden. Diese Projekte werden nie wegen des mangelndes Geldes gestoppt, sondern nur aus einem Grund: wenn sie politisch nicht mehr opportun, nicht mehr wohl angesehen sind. Darüber sollten wir alle als Bewegung gemeinsam sprechen und so bunt und vielfältig, so frech und kreativ, wie wir es in uns tragen und bisher bewiesen haben, dran bleiben. In diesem Sinne: Oben bleiben, dran bleiben, kreativ bleiben!

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