Appell der Angehörigen der 4 inhaftierten NoTAV-Gegner Chiara, Claudio, Mattia und Niccolò

In diesen Wochen habt ihr wahrscheinlich von ihnen gehört. Es sind die Personen, die am 9. Dezember v.J. verhaftet wurden mit der Anklage, die TAV-Baustelle in Chiomonte angegriffen zu haben. Bei diesem Angriff ist lediglich ein Kompressor zu Schaden gekommen, es gab keine Personenschäden. Die Anklage lautet jedoch auf „Terrorismus“, da „in diesem Zusammenhang“ und mit der Aktion unter Umständen „Panik unter der Bevölkerung“ ausgelöst wurde und das Land dadurch „einen großen Schaden“ davongetragen hätte. Ein Imageverlust?

Wir wiederholen: Ein Verlust des Ansehens? Die Anschuldigung basiert allein auf der Potenzialität der vermeintlich ausgeführten Handlungen, aber in Ermangelung des Straftatbestands des „fahrlässigen Terrorismus“ in unserem Rechtssystem, läuft die Anklage auf tatsächlichen, vorsätzlichen Terrorismus heraus.

Hingegen der Terrorismus, der in unser aller Gedächtnis geblieben ist:

Die Blutbäder der 70er und 80er Jahre, die Bombenanschläge in Zügen und auf Plätzen in jüngster Vergangenheit auch auf  Flughäfen, U-Bahnen und Wolkenkratzer.

– Der Terrorismus, der sich gegen unschuldige und ahnungslose Menschen richtete, die ermordet wurden. Der Terrorismus, der tatsächlich die ganze Bevölkerung terrorisiert hatte.

Im Gegensatz dazu haben unsere Kinder, Brüder und Schwestern immer Respekt vor dem Leben anderer gehabt. Es sind großherzige Menschen, voller Ideen, die eine bessere Welt wollen und dafür auch kämpfen. Sie haben gegen jede Form von Rassismus gekämpft, sie haben die Schrecken der CIE (Centri di identificazione ed espulsione – Die unmenschlichen Auffang- und Abschiebelager für Immigranten) angezeigt – über die man sich heute so entrüstet zeigt – bevor diese überhaupt von der Presse und der Öffentlichkeit wahrgenommen worden sind.

Sie haben Raum und Momente für  kritische Auseinandersetzung  geschaffen. Sie haben sich dafür entschieden, ihren Lebensraum zu verteidigen und nicht dafür, die Bevölkerung zu terrorisieren. Alle Susatäler-Bürger bestätigen dies und setzen diese Haltung auch auf ihren Internetseiten fort. Ist etwa das die Bevölkerung, die sich terrorisiert fühlt?

Und kann ein in Brand gesetzter Kompressor einem Land großen Schaden zufügen? Die verhafteten Personen bezahlen die Zeche für ein Land in einer Glaubwürdigkeitskrise. Genau darum werden sie plötzlich und unverhofft zu Terroristen wegen Imageschädigung mit dem gleichen schweren Strafmaß wie für  jemanden, der getötet hat oder töten wollte.

Dies ist eine inakzeptable (Grenz)Überschreitung für eine Demokratie. Würde diese Vorgehensweise die Oberhand gewinnen, würde das für die Zukunft bedeuten, dass jeder, der eine von oben getroffene Entscheidung anficht, unter den gleichen Prämissen angeklagt werden könnte, weil er das Land – die Regierung – in schlechtes Licht setzt und diesem einen Imageschaden zufügt. Es ist unser aller Freiheit, die in Gefahr ist. Eine Freiheit, die wir nicht als selbstverständlich voraussetzen können.

Für Straftaten im Zusammenhang mit Terrorismus sind keine Hausarreste vorgesehen, sondern Haftstrafen in Hochsicherheitstrakten, was  bedeutet: Isolation, zwei Stunden Hofgang täglich, vier Stunden Besuchszeit pro Monat. Alle Briefe werden kontrolliert, der Staatsanwaltschaft zugeleitet und protokolliert. Die Briefe kommen sowohl bei den Inhaftierten als auch bei uns mit extremer Verspätung oder überhaupt nicht an. Jetzt sind die vier in jeweils andere Hochsicherheitsgefängnisse verlegt worden, weit weg von ihrer Heimatstadt. Eine Distanz, die sie noch mehr trennt von der Zuneigung ihrer Familien und ihrer Lieben, mit weiteren unverständlichen Schikanen, wie die Streichung von Besuchen, das Verbot der Begegnung untereinander und in einigen Fällen die totale Isolation.

All das sogar noch vor einem Prozess, da sie angeblich „gefährlich“ seien, „dank“ einer Interpretation der Justiz, die sich nicht auf Fakten stützt.

Dieser Brief richtet sich an:

Zeitungen, Fernsehen, Massenmedien, damit sie wieder ihre Aufgabe übernehmen, zu informieren und alle Aspekte abzuwägen, auf dass sie den Mut finden, über diesen Fall zu berichten, sich zu empören über die paradoxe Situation einer Person, die eine extrem harte Strafe riskiert, nicht weil sie jemanden niedergemetzelt hat, sondern weil sie nach Ansicht der Anklage eine Maschine beschädigt oder der Beschädigung beigewohnt habe.

Dieser Appell richtet sich an die Intellektuellen, auf dass sie zu diesem Fall ihre Stimme erheben mögen. Damit sie handeln, bevor unser Land zu einem unlebbaren Ort wird, wo diejenigen, die sich widersetzen, die denken, dass ein Großprojekt den Bürgerinnen und Bürgern dienen müsse und nicht dazu, der EU ein paar Münzen aus der Tasche zu ziehen, als eine Bereicherung und nicht als Terroristen angesehen werden.

Dieser Appell richtet sich an die ganze Gesellschaft und insbesondere an Familien wie unsere, die mit zunehmender Sorge und Mühe ihre eigenen Kinder in diesem Land aufwachsen sehen, sie großziehen und sie lehren, nicht wegzuschauen und denen beizustehen, die auf der richtigen Seite stehen und die uns wirklich brauchen.

Vielen Dank

Die Familienangehörigen von Chiara, Claudio, Mattia und Niccolò

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